
Subjektiv aber interessant und hilfreich! - Wie zu erwarten wurde die Liste der von der Zeit-Redaktion ausgewählten 100 Bücher schon zum Erscheinungszeitpunkt Anfang der 80er sehr kontrovers diskutiert. Wie auch immer: Sowohl die Auswahl als auch die Rezensionen bleiben natürlich immer subjektiv. Dennoch vermittelt das Buch einen guten Überblick über bedeutende Werke der gehobenen Literatur (nur Prosa) und ist insofern sowohl als Nachschlagewerk, als auch als Einführung in klassische Prosa durchaus geeignet. Dass keine professionelle Buchkritiker zu Wort kommen, empfinde ich eher als angenehme, auch wenn einige der Rezensionen sich dem Durchschnittsleser wohl erst nach mehrmaligem Lesen erschließen werden.
Wertvolle Bibliothek der erzählenden Literatur - Schon vor 25 Jahren ergaben Studien zum Leseverhalten, daß moderne Literatur nur noch 11% der Bevölkerung erreicht. Um der als Ursache selbst bei Germanistikstudenten ausgemachten Unfähigkeit zu lesen entgegenzuwirken und den Menschen wieder Spaß zum Lesen und am Lesen zu vermitteln, druckte die ZEIT 2 Jahre lang Woche für Woche literarische wie literaturkritische Kurzbeiträge namhafter Schriftsteller zu 100 Büchern der Weltliteratur (von der Bibel bis zu Cervantes Don Quijote) ab. Diese anspruchsvolle Anthologie ist in dem vorliegenden erstmals im Jahre 1980 erschienenen (2002 neu aufgelegten) Werk zusammengefaßt.Das 449 Seiten starke Taschenbuch hat losgelöst von der Woge an Literaturempfehlungen der letzten Jahre (z. B. von Marcel Reich-Ranicki, Christiane Zschirnt, David Denby oder Rolf Vollmann) nach wie vor seine volle Berechtigung. Es sagt nichts aus zu Dramen, Gedichten, Sachbüchern oder gar Kriminalromanen, sondern bietet eine Bibliothek der erzählenden Literatur an. Ohne nationale Schranken wird bei aller von der 6-köpfigen Jury eingestandenen Subjektivität eine überaus interessante Auswahl an Schriftstellern aus der ganzen Welt präsentiert, wobei das Verhältnis deutscher Autoren zu ausländischen in etwa 2 zu 3 beträgt. Gleichzeitig wird deren jeweils wichtigstes Werk vorgestellt (eine Ausnahme bilden Goethe und Kafka mit jeweils 2 Werken). Interpretiert werden die Werke überwiegend nicht von beruflichen Rezensenten, sondern von bekannten Schriftstellern wie Golo Mann, Heinrich Böll, Luise Rinser, Ilse Aichinger oder Rudolf Augstein. Das hat den Vorteil, daß der Leser nicht nur eine gediegene Rezension eines Werkes der Weltliteratur erhält, sondern er gewissermaßen nebenbei noch einiges über das Denken und literarische Werk des Rezensenten erfährt.Fazit : Wer ein Literaturfreund ist und eine repräsentative Auswahl von Jahrhundertwerken nebst Interpretation mit Tiefgang wünscht, ist mit der von Fritz J. Raddatz, dem früheren Feuilletonchef der ZEIT, herausgegebenen ZEIT - Bibliothek der 100 Bücher bestens bedient. Doch Vorsicht, niemand gebe sich Illusionen hin. Das Taschenbuch ist in überschaubarer Zeit zu meistern, die Lektüre der 100 Bücher dagegen ist eine Aufgabe für Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte. Doch manchmal ist eben bereits der Weg das Ziel. Als Trost mag dienen, das vorliegende Buch weist nicht nur den Weg, es erleichtert auch dessen Beschreiten.
ernsthafte Lektüre - Wichtig erscheint mir, darauf hinzuweisen, daß die erste Auflage dieses Buches dem Jahre 1980 entstammt, zu einem Zeitpunkt, als das Konzept der Allgemeinbildung light noch ein Funkeln in den Augen geschäftstüchtiger (Ex-)Professoren war.Demzufolge finden sich nicht nur jauchtaugliche Kurzinfos zu hundert Büchern der Weltliteratur. Die hundert Kurzessays spiegeln Meinung und Werk der namhaften Schreiber ebenso wider wie das rezensierte Werk und fordern zu ernsthafter Auseinandersetzung mit ihnen auf.